interview
Wie Siemens den Maschinenbau neu denkt
Die Transformation zur sogenannten One Tech Company markiert bei Siemens einen strategischen Wendepunkt, auch für den Maschinenbau. Im Interview erläutert Ing. Matthias Kneissl B. Eng., Bereichsleiter Maschinenbau bei Siemens für Österreich und den CEE-Raum, wie integrierte Systeme, offene Plattformen und neue Geschäftsmodelle Maschinenbauer dabei unterstützen können, steigenden Anforderungen zu begegnen, Prozesse zu beschleunigen und langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Doch worauf kommt es an?
„Ein zentrales Thema ist aus meiner Sicht nicht nur die 'Time-to-Market', sondern zunehmend die 'Time-to-Cash'.“ Ing. Matthias Kneissl B.Eng., Industry Lead, Machine Building - AT+CEE, Siemens (Bilder: x-technik)
Herr Kneissl, Siemens befindet sich aktuell im Transformationsprozess zur „One Tech Company“. In diesem Zuge erhält der Maschinenbau erstmals einen eigenen organisatorischen Bereich. Was bedeutet diese Strukturänderung konkret für Maschinenbauer?
Der Schritt zur One Tech Company verfolgt bei Siemens vor allem ein Ziel: näher an unsere Kunden zu rücken und deren veränderte Anforderungen besser zu adressieren. Insbesondere im Maschinenbau hat sich in den zurückliegenden 15 Jahren viel gewandelt. Technologie allein ist heute selten der Engpass. Vielmehr ist entscheidend, wie gut Systeme miteinander interagieren und wie flexibel sie sich an neue Anforderungen anpassen lassen. Mit einem eigenen Bereich für den Maschinenbau können wir genau hier ansetzen und einen integrativen, ganzheitlichen Ansatz verfolgen.
„Wir fokussieren uns auf klare Zukunftsbilder und die größten 'Pain Points'. Gerade dort, wo es weh tut, liegt meist auch der größte Hebel.“ Davon ist Matthias Kneissl überzeugt.
Maschinenbauer stehen derzeit unter erheblichem Druck. Von steigenden Energiepreisen über Fachkräftemangel bis hin zu globalen Unsicherheiten bewegt die Branche derzeit viel. Wie kann Siemens hier unterstützen?
Das ist eine gute Frage. Fest steht: Die Herausforderungen sind vielfältig und haben sich deutlich verschärft. Ein zentrales Thema ist aus meiner Sicht nicht nur die „Time-to-Market“, sondern zunehmend die „Time-to-Cash“. Besonders in Österreich, wo der Sondermaschinenbau stark ausgeprägt ist, geht es darum, Projekte schneller zur Inbetriebnahme zu bringen, um den Cashflow sicherzustellen. Unser Ansatz ist es, die gesamte Wertschöpfungskette zu optimieren – von der Anfrage über die mechanische und elektrische Konstruktion bis hin zur Automatisierung und Inbetriebnahme. Durch interoperable Systeme können wir Prozesse beschleunigen und Medienbrüche vermeiden. Das führt zu schnelleren Projektdurchläufen und stabileren Geschäftsmodellen.
„Der österreichische Maschinenbau verfügt über enormes Know-how und viel Innovationskraft. Wenn es gelingt, diese Stärken mit offenen Strukturen, digitalen Plattformen und neuen Geschäftsmodellen zu verbinden – und gezielt mit den Möglichkeiten von KI zu nutzen – sehe ich große Chancen.“ Davon zeigte sich Matthias Kneissl im Gespräch überzeugt.
Bedeutet das auch, dass an bestimmten Stellen im Prozess aktuell noch Potenziale bestehen oder gar Verluste?
Ich würde weniger von Verlusten sprechen als vielmehr von ungenutztem Potenzial. Österreichische Maschinenbauer verfügen über ein sehr umfassendes Domain-Know-how und sind in vielen Nischen führend. Allerdings sind viele Prozesse historisch stark „Engineered-to-Order“ geprägt. Das führt dazu, dass Engineering-Aufwände einen großen Anteil an den Gesamtkosten haben. Hier liegt ein wesentlicher Hebel: Wer es schafft, Engineering-Prozesse zu standardisieren und besser zu vernetzen, kann signifikante Effizienzgewinne erzielen.
Der entscheidende Punkt bei KI ist nicht die einzelne Anwendung, sondern die Fähigkeit, sie zu skalieren. (Bild: GettyImages 2161721546)
Werden solche Ansätze bereits angenommen?
Ja, aber mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Wichtig ist: Das ist kein exklusives Siemens-Angebot. Wir verstehen uns zunehmend als Struktur- und Systempartner und nicht mehr ausschließlich als Komponentenlieferant. Unternehmen, die bereits auf integrierte Systeme setzen, zeigen sehr gute Ergebnisse. In einzelnen Fällen konnten Engineering-Kosten um bis zu 30 Prozent reduziert werden. Das bestätigt, dass der Ansatz funktioniert.
Künstliche Intelligenz gilt als einer der zentralen Treiber für den Maschinenbau der Zukunft. Siemens arbeitet hier unter anderem mit Partnern wie Nvidia zusammen.
Dennoch hört man oft, dass der Einstieg in solche Transformationen schwerfällt.
Absolut. Viele Unternehmen sind im operativen Tagesgeschäft stark ausgelastet. Es fehlt die Zeit, grundlegende Veränderungen anzustoßen. Ich stelle in Gesprächen mit Führungskräften häufig eine einfache Frage: „Glauben Sie, dass Sie in zehn Jahren mehr Maschinen verkaufen werden als heute?“ Wenn nicht, stellt sich die entscheidende Frage, welche neuen Geschäftsmodelle entstehen und ob die heutige System- und Plattformlandschaft überhaupt in der Lage ist, diese umzusetzen. Dafür braucht es jedoch neben der inhaltlichen Auseinandersetzung und der Umsetzung neuer Geschäftsmodelle auch strukturelle Veränderungen. Und diese entstehen nicht über Nacht.
Integrierte Sicherheits- und Securityfunktionen sind ein zentraler Baustein, um komplexe Systeme durchgängig beherrschbar zu machen und bilden damit eine wichtige Grundlage für skalierbare und zukunftsfähige Maschinenkonzepte.
Wird dieser Wandel oft als Generationenthema gesehen oder eher nicht?
Das greift definitiv zu kurz. Natürlich gibt es immer einen Generationenmix in Unternehmen, aber entscheidend ist die Struktur, weniger das Alter der Belegschaft. Die zentrale Frage lautet: Wo will ich in fünf oder zehn Jahren stehen? Und wo liegen meine größten Hebel? Oft sind diese nicht mehr in einzelnen Disziplinen wie Mechanik oder Elektrotechnik zu finden, sondern in deren Zusammenspiel. Wenn Systeme interoperabel sind, Daten austauschen – etwa über eine Asset Administration Shell oder eine gemeinsame Datenplattform – entsteht ein ganz neuer Grad an Flexibilität. Dafür müssen jedoch auch organisatorische Strukturen angepasst werden und hier liegt der Knackpunkt.
Mithilfe von Simatic AX wendet Modern Technology Systems (MTS) bewährte Methoden der Softwareentwicklung auf die OT-Entwicklung an. Die Plattform ermöglicht eine schnellere Entwicklung, eine höhere Codequalität und skalierbare, menschenzentrierte Produktionssysteme und gibt MTS gleichzeitig die Freiheit, seine eigenen Frameworks darauf aufzubauen.
Ein weiterer Punkt ist die zunehmende Marktdiversität. Deshalb stellt sich die Frage: Wie kann eine Automatisierungsplattform so gestaltet werden, dass sie skalierbar bleibt?
Es ist so: Eine starre Plattform funktioniert in der heutigen Welt nicht mehr. Märkte verändern sich sehr dynamisch, regulatorische Anforderungen nehmen zu – Stichwort Maschinenverordnung, Cyber Resilience Act (CRA) oder NIS2 – sind nur einige, die in diesem Zusammenhang erwähnt gehören. Die Antwort liegt in der Agilität und Offenheit. Systeme müssen so aufgebaut sein, dass sie miteinander „kommunizieren“ können. Wenn mechanische, elektrische und softwareseitige Systeme dieselbe Sprache nutzen, lassen sich neue Märkte deutlich schneller erschließen, ansonsten verbringt man zu viel Zeit mit Übersetzungsarbeit zwischen Systemen und verliert möglicherweise an Geschwindigkeit.
Das bedeutet konkret auch, dass eine Zusammenarbeit untereinander immer wichtiger wird?
Das ist richtig. Offenheit ist ein zentraler Bestandteil unserer Strategie. Kein Unternehmen kann diese Herausforderungen allein lösen. Das gilt für Siemens genauso wie für andere Marktteilnehmer. Gerade im europäischen Maschinenbau sehe ich großes Potenzial, wenn wir stärker zusammenarbeiten. Wir stehen im globalen Wettbewerb – insbesondere mit asiatischen Märkten – und müssen gleichzeitig regulatorische Anforderungen erfüllen. Das gelingt nur gemeinsam.
Herr Kneissl, Ihr Verantwortungsbereich reicht inzwischen von Polen bis Israel und mittlerweile auch Kasachstan in Zentralasien. Welche Rolle spielen diese Märkte in der Zukunft bzw. jetzt schon?
Eine sehr wichtige. Viele dieser Regionen sind aus Sicht des Maschinenbaus noch nicht vollständig erschlossen und entwickeln sich sehr dynamisch. Deshalb ist es wichtig, Strukturen zu schaffen, die diese Dynamik abbilden können. Wir versuchen, Brücken zu bauen – sowohl technologisch als auch marktseitig – und neue Chancen zugänglich zu machen. Möglich ist vieles.
Künstliche Intelligenz gilt als einer der zentralen Treiber für den Maschinenbau der Zukunft. Siemens arbeitet hier unter anderem mit Partnern wie Nvidia zusammen. Welche Rolle spielt KI aus Ihrer Sicht konkret und was braucht es, damit aus einzelnen Pilotprojekten tatsächlich skalierbare industrielle Anwendungen werden?
Das erste ist: KI wird kommen und sie wird den Maschinenbau verändern. Gemeinsam mit Partnern wie Nvidia arbeiten wir heute schon daran, Digitale Zwillinge von Produkten, Maschinen und ganzen Fertigungen in Echtzeit nutzbar zu machen und neue Möglichkeiten für Simulation, Optimierung und Automatisierung zu schaffen. Der entscheidende Punkt ist aber nicht die einzelne Anwendung, sondern die Fähigkeit, sie zu skalieren. Viele Pilotprojekte funktionieren gut im Kleinen – die Herausforderung beginnt bei der Umsetzung über viele Maschinen und den gesamten Lifecycle. Hier wird die Struktur entscheidend: konsistente Daten, ein durchgängiger Digitaler Zwilling und eine software-definierte Architektur. Kurz gesagt: KI bringt Geschwindigkeit und die Struktur entscheidet, ob daraus Mehrwert entsteht.
Parallel dazu steigen die regulatorischen Anforderungen, etwa durch den Cyber Resilience Act, wie wir bereits kurz angesprochen haben. Wie ist die aktuelle Situation für den Maschinenbauer?
Die Akzeptanz wächst und das muss sie auch ganz dringend. In einer aktuellen Siemens-Veranstaltungsreihe, bei der wir jeweils mit über 120 Maschinenbauunternehmen sprechen konnten, haben wir gesehen, dass einige bereits weit vorangeschritten sind und sich mit den Anforderungen auseinandersetzen. Andere haben noch Nachholbedarf. Themen wie Vulnerability Management oder Patch Management werden künftig Standard sein. Entscheidend ist, dass Unternehmen keine „Angst“ davor haben, was gefordert wird. Es verhält sich ähnlich, wie wir es vor Jahren im Bereich Safety bereits erfolgreich gemeistert haben.
Dennoch ist „Security by Design“ für viele immer noch eine Hürde. Stimmen Sie dem zu?
Das stimmt und das gilt auch für uns. Es wird keine einfache Lösung geben, die man kaufen kann. Unternehmen müssen sich aktiv mit den Themen auseinandersetzen. Gleichzeitig arbeiten wir daran unsererseits die Lösungen bereitzustellen, die etwa CRA-konform sind und die Umsetzung zu einer „konformen“ Maschine erleichtern. Dazu geben wir beispielweise auch einen Cybersecurity-Leitfaden für Maschinenbauer heraus oder bieten Assessments an.
Konkret nachgefragt: Wie geht Siemens vor, um Kunden in dieser komplexen Situation zu unterstützen?
Wir fokussieren uns auf klare Zukunftsbilder und die größten „Pain Points“. Gerade dort, wo es weh tut, liegt meist auch der größte Hebel. Natürlich gibt es viele Baustellen. Deshalb ist Priorisierung entscheidend. Wichtig ist auch, Pilotprojekte in den produktiven Betrieb zu überführen. Der Austausch untereinander spielt dabei eine große Rolle. Plattformen und Partnerschaften helfen, Erfahrungen zu teilen und schneller voranzukommen.
Abschließend würde ich gerne einen Blick in die Glaskugel werfen: Wie sehen Sie die Zukunft des Maschinenbaus?
Da bin ich sehr optimistisch. Der österreichische Maschinenbau verfügt über enormes Know-how und viel Innovationskraft. Wenn es gelingt, diese Stärken mit offenen Strukturen, digitalen Plattformen und neuen Geschäftsmodellen zu verbinden – und gezielt mit den Möglichkeiten von KI zu nutzen – sehe ich große Chancen. Im internationalen Wettbewerb rückt künftig die Fähigkeit in den Mittelpunkt, Systeme kontinuierlich weiterzuentwickeln, während einzelne Technologien an Bedeutung verlieren.







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