interview

KI verändert laut Lenze den Maschinenbau

Künstliche Intelligenz ist im Maschinen- und Anlagenbau längst kein Zukunftsthema mehr, sondern ein strategischer Faktor für Effizienz, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. Doch gerade viele mittelständische Betriebe fragen sich: Wo kann ich mit KI beginnen und welche KI ist überhaupt vertrauenswürdig? Im Doppelinterview mit Florian Hartke, Leiter Dock One, encoway GmbH, und Dr.-Ing. Heiko Stichweh, Leiter Technology Innovation Research bei Lenze, wurde der Mehrwert, den KI schafft, diskutiert, die Frage von technischen und organisatorischen Grundlagen, die nötig sind, in den Raum gestellt, und darüber gesprochen, weshalb die Industrie ohne KI ihre Zukunftsfähigkeit riskiert.

„Vertrauenswürdige KI heißt für mich, dass ich nachvollziehen kann, was passiert und wie die KI zu einer Entscheidung oder Empfehlung kommt. Gerade in industriellen Prozessen geht es um Sicherheit und Präzision, da muss der KI-Einsatz wohl überlegt und zu jedem Zeitpunkt sicher sein.“ Florian Hartke, Leiter Dock One, encoway GmbH.

„Vertrauenswürdige KI heißt für mich, dass ich nachvollziehen kann, was passiert und wie die KI zu einer Entscheidung oder Empfehlung kommt. Gerade in industriellen Prozessen geht es um Sicherheit und Präzision, da muss der KI-Einsatz wohl überlegt und zu jedem Zeitpunkt sicher sein.“ Florian Hartke, Leiter Dock One, encoway GmbH.

Herr Hartke, gleich zu Beginn möchte ich eine sehr grundlegende Frage an Sie stellen: Wie ist encoway in das Lenze-Ökosystem eingebunden?

Florian Hartke: Die Frage ist durchaus berechtigt – vielen Dank! encoway ist seit über 25 Jahren Teil der Lenze-Gruppe und war ursprünglich eine Ausgründung aus einem KI-Forschungsprojekt an der Universität Bremen. Das Ziel war es zum damaligen Zeitpunkt, den immensen Variantenreichtum von Antriebslösungen für den Vertrieb effizient konfigurierbar zu machen. Aus einem Expertensystem wurde ein Geschäftsmodell und heute sind wir über 300 Mitarbeiter mit dem klaren Fokus auf softwarebasierte Vertriebsunterstützung.

Die generative KI ist der technologische Enabler. Ich teile die Sicht, dass sie sowohl Werkzeug, Innovationsbeschleuniger als auch Transformationsmotor ist. Entscheidend ist, dass wir generative KI als ein Werkzeug z.B. zur Steigerung der Effizienz von Unternehmensprozessen begreifen. KI ist kein Selbstzweck.“ Dr. Stichweh, Leiter Technology Innovation Research, Lenze

Die generative KI ist der technologische Enabler. Ich teile die Sicht, dass sie sowohl Werkzeug, Innovationsbeschleuniger als auch Transformationsmotor ist. Entscheidend ist, dass wir generative KI als ein Werkzeug z.B. zur Steigerung der Effizienz von Unternehmensprozessen begreifen. KI ist kein Selbstzweck.“ Dr. Stichweh, Leiter Technology Innovation Research, Lenze

Und dieser KI-Fokus hat sich bis heute erhalten?

Hartke: Absolut. Schon damals ging es um das Lösen realer Probleme und das ist bis heute Bestand unserer Arbeit. Der Ursprung in der KI-Forschung hat dafür gesorgt, dass wir Software als differenzierenden Faktor verstehen. Das ist auch für Lenze ein großer Mehrwert, denn klassisch kommt das Unternehmen aus der sogenannten „Hardwarewelt“. Die Fähigkeit, Software als Produkt und Service zu denken, ist dabei zunehmend entscheidend geworden.

Dr. Heiko Stichweh: Dem stimme ich zu. Lenze ist stark in der Antriebs- und Automatisierungstechnik verankert. Die Softwarevermarktung gehört nicht zu unserer DNA. Schlussfolgernd war encoway als Teil der Gruppe ein riesiger Vorteil für Lenze, sich dahingehend weiterzuentwickeln. Die Synergie ist für beide Seiten von Beginn an ein Zugewinn gewesen.

Wie gelingt in der Praxis der Brückenschlag von der Forschung zur Anwendung, Herr Stichweh?

Das ist genau die Aufgabe meines Teams: neue Technologien frühzeitig erkennen, bewerten, gemeinsam mit Partnern erproben und wenn sie „reif“ sind, diese an die Entwicklung übergeben. Das betrifft klassische wie auch generative KI. Aber wir starten nie mit der Technologie, sondern immer mit der Frage: Welches Problem wollen wir lösen?

Und das ist vermutlich genau der Punkt, an dem viele Unternehmer „scheitern“ bzw. an ihre Grenzen geraten?

Hartke: Dies ist oft der Fall und das vor allem im Mittelstand. „Wir müssen jetzt KI machen.“ – ist dabei eine Kernaussage, die bereits in der Formulierung zum Scheitern verurteilt ist, denn das ist der falsche Ansatz. Richtig wäre vielmehr, sich die Fragen zu stellen: „Wo liegen meine Engpässe, wo kann ich Prozesse optimieren, Kunden besser bedienen oder Ressourcen entlasten?“

Dr. Stichweh: KI ist ein Werkzeug und kein Selbstzweck. Eine geeignete Unternehmensorganisation, die schnell Use Cases hinsichtlich Nutzen und Aufwand bewertet und ökonomisch relevante Themen im Unternehmen bereichsübergreifend vorantreibt, wird auch auf dem Weg der Digitalisierung und dem Einsatz von KI in den Produktionsprozess gezielt vorankommen.

Der Begriff „vertrauenswürdige KI“ fällt derzeit häufig. Was bedeutet er für Sie beide in Ihrem beruflichen Umfeld konkret?

Hartke: Vertrauenswürdige KI bedeutet für mich zunächst Erklärbarkeit. Wir müssen nachvollziehen können, warum ein Modell zu einem bestimmten Ergebnis kommt. Eine KI darf im industriellen Umfeld keine Blackbox sein. Gerade wenn es um Prozesssicherheit, Qualität oder Ausfallzeiten geht, ist es entscheidend, dass wir die Logik hinter einem Ergebnis verstehen. In industriellen Prozessen geht es vor allem um Sicherheit und Präzision, da muss der KI-Einsatz wohl überlegt und zu jedem Zeitpunkt sicher sein.

Dr. Stichweh: Ich würde hier gerne noch ergänzen: Vertrauenswürdigkeit umfasst Robustheit, Sicherheit und ethische Compliance. Das heißt, eine KI muss stabil funktionieren, auch wenn sich Randbedingungen ändern. Sie muss Datenschutz und Informationsschutz gewährleisten und darf keine unkontrollierbaren Risiken erzeugen. Deshalb arbeiten wir an hybriden Verfahren, die physikalisches Wissen mit datengetriebenen Modellen kombinieren. Diese Ansätze erhöhen die Erklärbarkeit enorm und reduzieren die mangelnde Nachvollziehbarkeit von Blackbox-Komponenten.

Hartke: Der Umgang mit Daten, die Einhaltung von Standards und die Gewährleistung der IT-Sicherheit spielen eine große Rolle. Vertrauen heißt auch, dass der Nutzer verstehen sollte, was passiert.

Dr. Stichweh: Für Lenze bedeutet vertrauenswürdige KI zudem, dass sie rechtskonform ist. Das beginnt bereits bei der Wahl der Technologie. Generative KI unterstützt uns in vielen Anwendungsfällen, wo wir z.B. Texte, Bilder, Videos, Quellcodes usw. anhand konkreter Anforderungen und Vorgaben erstellen wollen. Bei der prädiktiven KI geht es eher darum, dass wir Zustände von Maschinen oder die Qualität der produzierten Güter -in der Zukunft vorhersagen bzw. optimieren möchten. Hier sind meist Zahlenreihen der Input und es geht mehr um das spezifische Verhalten eines Systems (small data). Neue Studien haben aber auch hier gezeigt, dass Technologien aus der generativen KI (Anmerkung: z.B. bestimmte Transformer Modelle wie xLSTM) hier hilfreich sein können.

Herr Hartke, wo sehen Sie die stärksten Effekte generativer KI?

Hartke: Vor allem in Softwareentwicklung, Dokumentation, Übersetzung und Wissenszugang. RAG-Systeme machen komplexes Wissen in Sekunden verfügbar. Das verändert Engineering, Service und Support fundamental.

Und welche Rolle spielt Open Source für Ihre Innovationsarbeit?

Dr. Stichweh: Eine zentrale. Wir setzen in der Entwicklung Open-Source-Lösungen ein und entwickeln diese gemeinsam mit der Community aktiv weiter. Gerade im Kontext KI gibt es sehr gute Open-Source-Lösungen. Denn wir wissen: Der Mehrwert entsteht im System, nicht in der Isolation. Wenn alle etwas beitragen, profitieren am Ende alle.

Hartke: Das ist auch ein Kulturwandel. Früher galt: „Wissen ist Macht“. Heute heißt es: „Teilen erzielt Wirkung.“

Wie hoch ist denn die Akzeptanz von KI im eigenen Haus?

Dr. Stichweh: Diese hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Früher gab es mehr Skepsis, etwa die Angst, „ersetzt“ zu werden. Heute überwiegt das Verständnis, dass KI entlastet. Wenn ein Tool hilft, repetitive Aufgaben abzunehmen oder schneller auf Kundenanfragen zu reagieren, sehen das viele Kollegen und Mitarbeiter als positiven Effekt an. Der Schlüssel lautet: Assistenz statt Automatisierung.

Hartke: Wir erleben oft den Fall, dass wenn Mitarbeitende merken, dass ihnen ein KI-basiertes Tool konkret den Arbeitsalltag erleichtert, die Akzeptanz sprunghaft ansteigt. Wichtig ist es, klein anzufangen, iterativ zu entwickeln und offen zu kommunizieren. Niemand wird gezwungen, aber gute Ideen verbreiten sich automatisch sehr schnell und gerne.

Wie sieht das konkret in der Entwicklung aus, Herr Hartke?

Wir sehen generative KI heute als Junior-Entwickler. Sie liefert einen ersten Vorschlag, den man iterativ verbessern kann, ohne dass die „KI“ frustriert wäre. So können erfahrene Entwickler mehr Output erzeugen und sich auf anspruchsvollere Aufgaben konzentrieren. Die eigentliche Kompetenz liegt künftig nicht mehr im Coden selbst, sondern im Anforderungsmanagement und Domänenwissen.

Und wie bringen Sie diese Kultur in die Breite des Unternehmens?

Hartke: Durch Formate wie interne Expertengruppen oder gezielte Impulse im Alltag. Es geht nicht darum, mit der Gießkanne Schulungen zu verteilen, sondern Multiplikatoren zu gewinnen, die gute Erfahrungen weitergeben. Erfolg überzeugt mehr als jede PowerPoint-Präsentation.

Wenn wir nun auf den Mittelstand schauen: Wo sehen Sie die größten Hürden, die die optimierte Nutzung von KI derzeit noch herauszögert?

Dr. Stichweh: Ganz klar bei den nicht vorhandenen Ressourcen. Kleine Unternehmen haben oft keine bis wenige Kapazitäten, um sich dediziert mit KI zu beschäftigen: weder personell noch finanziell. Deshalb sind Partnerschaften und Netzwerke essenziell. Niemand kann die Digitalisierung allein stemmen und muss es auch nicht.

Hartke: Die größte Gefahr ist, dass der Mittelstand abgehängt wird und dies nicht, weil er nicht will, sondern weil er nicht weiß, wo er anfangen soll. Genau dafür bauen wir Brücken – etwa durch praxisnahe Use Cases, gemeinsame Workshops und offene Innovationsplattformen wie hier in Bremen. Oft reicht schon ein kleiner Use Case, um den Stein ins Rollen zu bringen.

Gibt es Ihrer Ansicht nach ein Patentrezept oder besser gesagt, eine KI-Roadmap, anhand derer sich Unternehmen orientieren können?

Dr. Stichweh: Nein, ein Patentrezept gibt es nicht, aber eine gute Roadmap beginnt nicht mit der Technologie, sondern mit dem Problem, dem man sich stellt. Danach folgt: Welche Use Cases haben einen hohen Business Impact bei gleichzeitig überschaubarem Aufwand? Erst dann stellt sich die Frage nach geeigneten KI-Methoden, Tools, Rollen und Prozessen. Das muss klar definiert sein. Meine Empfehlung hierzu lautet, zunächst gezielt die wirklich mehrwertstiftenden Themen zu identifizieren. Der Impact – sei es eine mögliche Kosteneinsparung, Umsatzsteigerung, Qualitätsverbesserung oder Aufwandsminimierung beim Kunden – muss immer wie erwähnt im Fokus stehen. Ein gezielter Austausch und eine Vernetzung mit anderen Unternehmen können unterstützend wirken. Entscheidend ist auch, dass Unternehmen ihre Belegschaft auf diesem Weg in die Zukunft mitnehmen.

Hartke: Ich persönlich empfehle Unternehmen, sich zunehmend zu vernetzen, so wie es mein Kollege eben schon erwähnt hat. Netzwerke sind und bleiben das A und O für die Zukunft. Vor allem praxisnahe Veranstaltungen, bei denen der persönliche Austausch im Vordergrund steht, eignen sich am besten, um mit anderen Mittelständlern, nicht nur mit den Großen, zu sprechen und gegebenenfalls gemeinsam den besten Weg einzuschlagen.

Wenn Sie nun beide in die Glaskugel schauen: Wo stehen wir in Hinblick auf KI-Nutzung in fünf Jahren?

Dr. Stichweh: Ein Blick in die Glaskugel ist schier unmöglich, vor allem, weil die Entwicklung in Bezug auf KI rasant vonstattengeht. Aber ich denke, dass wir in fünf Jahren in kaum einem Unternehmensprozess noch ohne KI arbeiten werden, sondern mit spezialisierten, eingebetteten KI-Lösungen, die genau wissen, was sie im vorliegenden Fall zu tun haben. Durch die Kombination von mehreren Technologien (KI-basierte Multiagentenlösungen, MCP, Datenökosysteme und auch semantischen Informationsmodellen) wird der Einsatz dieser Technologie in den gesamten Produktlebenszyklus vom Konzept über die Entwicklung, Inbetriebnahme, Wartung und Entsorgung Einzug halten. Auch toolübergreifende Workflows („Suche mir eine passende Nachfolgekomponente und integriere sie mir automatisch im M-CAD/E-CAD“) wird möglich sein.

Hartke: Für mich steht fest: KI verändert alles und das nicht disruptiv, aber tiefgreifend. Von Vertrieb über Engineering bis zur Wartung werden Prozesse intelligenter. Und Unternehmen, die sich jetzt aktiv mit dem Thema beschäftigen, werden ihre Zukunft aktiv mitgestalten und nicht nur reagieren. So werden wir kaum Bereiche sehen, wo keine KI eingesetzt wird.

Herr Stichweh, wo setzt Lenze prädiktive KI heute konkret ein?

Beispielsweise in der Überwachung ausfallkritischer Komponenten in automatisierten Warenlagern, in KI-gestützten Qualitätsprüfungen von Getriebemotoren oder in Kundenprojekten wie der Riemenspannungsüberwachung. Wichtig ist: KI muss skalierbar sein. Ein Modell, das nur mit Data Scientists funktioniert, wird sich in der Industrie nicht durchsetzen.

Viele Mittelständler fürchten den AI-Act, CRA und NIS-2. Zu Recht?

Hartke: Regulierung ist grundsätzlich notwendig, insbesondere, wenn es um technologische Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz geht, die tief in Prozesse, Entscheidungen und Systeme eingreifen. Gleichzeitig gilt: Zu viel Regulierung zur falschen Zeit kann Innovation auch ausbremsen. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen haben oft nicht die personellen Ressourcen, um jede rechtliche Entwicklung im Detail zu verfolgen, geschweige denn, sie sofort umzusetzen. Was ihnen fehlt, ist nicht der Wille, sondern eine praktikable Handlungsanleitung.

Dr. Stichweh: Ich sehe gewisse Regulierungen durchaus als Chance, denn sie können faire Wettbewerbsbedingungen, verbindliche Standards und ein gemeinsames Verständnis von Sicherheit, Transparenz und Vertrauenswürdigkeit schaffen – und das ist dringend notwendig. Unternehmen müssen dabei nicht alles selbst lösen. Wichtig ist, dass sie sich mit verlässlichen Partnern umgeben: Zulieferer, die regulatorische Anforderungen mitdenken und erfüllen, sowie Branchenverbände, die konkrete Hilfestellungen bieten. Besonders der VDMA oder ZVEI leisten hier wertvolle Arbeit, indem sie komplexe Vorgaben in anwendbare Empfehlungen übersetzen. Mir ist es wichtig, dass Regulierung nicht als Feind der Innovation definiert wird. Allerdings muss sie so gestaltet sein, dass sie verhältnismäßig bleibt, Risiken minimiert und gleichzeitig Gestaltungsspielräume zulässt – gerade für den Mittelstand. Unternehmen, die sich frühzeitig mit den Anforderungen auseinandersetzen und strategisch darauf vorbereiten, werden im Vorteil sein.

Welche Rolle spielt Functional Safety in Verbindung mit KI und wie lässt sich Vertrauen technisch absichern?

Dr. Stichweh: KI kann auch in der Safety einen Beitrag leisten und bei der systematischen Risikobeurteilung und der Dokumentation unterstützen oder z.B. über Bilderkennung prüfen, ob ein Mitarbeiter sich einem sicherheitskritischen Bereich nähert bzw. diesen betritt. Im Bereich der Antriebstechnik – wo es auch um sehr kurze Eingriffszeiten geht – sehen wir KI aufgrund der Robustheit bzw. Erklärbarkeit und auch der Rechenintensivität der Modelle noch nicht als geeignetes Werkzeug an. Diese Grenzen werden sich in den kommenden Jahren aber verschieben, so dass KI vermutlich auch hier einen Einzug halten wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

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