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Interview: Sicherheit und Digitalisierung sind kein Widerspruch bei AVS Schmersal

Chancen und Pflichten der neuen Maschinenverordnung: Am neuen Standort in Wien eröffnete AVS Schmersal kürzlich die tec.nicum academy, eine internationale Schulungseinrichtung mit Fokus auf Funktionale Sicherheit, Maschinenrichtlinien und Digitalisierung. Wir sprachen im Video- und Podcast x-technik AUTOMATION mit dem Geschäftsführer Rene Pfaller und Technikleiter David Pescha über die Ziele der Academy, die Herausforderungen der neuen Maschinenverordnung und warum Schulung und Innovation künftig untrennbar verbunden sind. Dabei wird klar: Sicherheit ist kein Kostenfaktor, sondern ein klarer Wettbewerbsvorteil.

David Pescha (links) ist Technikleiter bei AVS Schmersal und im engen Austausch mit AVS Schmersal Österreich-Geschäftsführer Rene Pfaller (Mitte). Im Team begleiten sie Schulungen am neuen Standort und die Weiterentwicklung. (Bilder: x-technik)

David Pescha (links) ist Technikleiter bei AVS Schmersal und im engen Austausch mit AVS Schmersal Österreich-Geschäftsführer Rene Pfaller (Mitte). Im Team begleiten sie Schulungen am neuen Standort und die Weiterentwicklung. (Bilder: x-technik)

Herr Pfaller, Herr Pescha – vielen Dank für die Einladung in Ihr neues Büro im 10. Wiener Gemeindebezirk. Seit Oktober ist Ihre tec.nicum academy zusätzlich hier am Standort in Betrieb. Können Sie kurz erläutern, um was es sich bei diesem Angebot genau handelt?

Rene Pfaller: Die tec.nicum academy ist unsere unternehmensweite Schulungs- und Ausbildungsplattform innerhalb der Schmersal-Gruppe. Unter dem Brand „tec.nicum“ bieten wir weltweit Services rund um Training, Beratung und Engineering. Der neue Standort in Wien dient dabei als zentrale Anlaufstelle für Schulungen in Österreich und ganz Südosteuropa und das mit modernsten Räumlichkeiten und einer Top-Infrastruktur.

David Pescha: Gerade im Zuge der neuen Maschinenverordnung sehen wir einen wachsenden Schulungsbedarf. Deshalb bieten wir nicht nur themenspezifische Seminare zu den Änderungen an, sondern decken mit unseren Trainings den gesamten Bereich der Sicherheitstechnik ab. Dies beginnt bei CE-Kennzeichnungen und geht über Retrofit-Projekte bis hin zur Umsetzung konkreter Sicherheitslösungen.

„Zu unserem Lösungsangebot trägt zu einem großen Teil der international agierende Geschäftsbereich tec.nicum mit seinem umfangreichen Dienstleistungsprogramm bei“  sagt AVS Schmersal Österreich-Geschäftsführer Rene Pfaller.

„Zu unserem Lösungsangebot trägt zu einem großen Teil der international agierende Geschäftsbereich tec.nicum mit seinem umfangreichen Dienstleistungsprogramm bei“ sagt AVS Schmersal Österreich-Geschäftsführer Rene Pfaller.

Ist die tec.nicum academy ausschließlich auf den österreichischen Markt ausgerichtet?

Pfaller: Nein. Österreich ist zwar unser Heimmarkt, aber wir haben mit dem neuen Standort auch die Funktion als Hub für Südosteuropa übernommen. Das Angebot ist bewusst international aufgestellt und unsere Schulungen finden auf Deutsch und Englisch statt, weitere Sprachen folgen in Zukunft. Denn wir bauen unser Team gezielt aus, auch mit muttersprachlichen Kolleg:innen aus den Zielmärkten, um unserem Anspruch gerecht zu werden, beim Kunden wirklich „seine Sprache“ zu sprechen.

Die Schmersal-Gruppe bietet ihren Kunden ein umfassendes Programm an Sicherheitsschaltgeräten und -systemen für den Personen- und Maschinenschutz an.

Die Schmersal-Gruppe bietet ihren Kunden ein umfassendes Programm an Sicherheitsschaltgeräten und -systemen für den Personen- und Maschinenschutz an.

Ein zentrales Thema ist derzeit die neue Maschinenverordnung, die 2027 in Kraft tritt. Was bedeutet das für Unternehmen aus Ihrer Sicht?

Pescha: Die bisherige Maschinenrichtlinie stammt aus dem Jahr 2006 – technologisch ist das eine Ewigkeit. Die neue Verordnung berücksichtigt nun auch KI, Cybersecurity und die zunehmende Digitalisierung von Maschinen. Für Unternehmen heißt das, sie müssen Sicherheit ganzheitlich denken – also nicht nur funktional, sondern auch im Hinblick auf IT-Sicherheit und vernetzte Systeme.

Pfaller: Die Verordnung ist zudem notwendig, um Menschen zu schützen, aber auch, um europäische Qualitätsstandards zu sichern. Sie schafft faire Bedingungen im globalen Wettbewerb und verhindert, dass unsichere Maschinen aus Drittstaaten unkontrolliert auf den europäischen Markt gelangen.

„Die Maschinenverordnung bringt nicht nur neue Pflichten, sondern auch neue Chancen. Wir demonstrieren, wie sich funktionale Sicherheit und Digitalisierung ideal verbinden lassen und das für mehr Effizienz, Transparenz und Schutz in der Produktion“, betont Technikleiter David Pescha.

„Die Maschinenverordnung bringt nicht nur neue Pflichten, sondern auch neue Chancen. Wir demonstrieren, wie sich funktionale Sicherheit und Digitalisierung ideal verbinden lassen und das für mehr Effizienz, Transparenz und Schutz in der Produktion“, betont Technikleiter David Pescha.

Wie reagiert die tec.nicum academy auf die Herausforderungen durch die neue EU-Maschinenverordnung, die ab 2027 gilt?

Pescha: Wir bereiten unsere Schulungen gezielt auf die Anforderungen der neuen Maschinenverordnung vor. Die bisherigen Regelungen stammen wie erwähnt aus dem Jahr 2006 – inzwischen haben sich Technologien wie KI, vernetzte Systeme oder Cybersecurity aber massiv weiterentwickelt. Unsere Trainings greifen diese Themen praxisnah auf, erklären Unterschiede zur alten Richtlinie und helfen Unternehmen, ihre Prozesse normgerecht und zukunftssicher aufzustellen.

Am neuen Standort von AVS Schmersal Österreich, am Wienerberg im 10. Wiener Gemeindebezirk, finden sowohl die Mitarbeiter als auch die Kunden ein modernes Büro mit smarter Ausstattung vor.

Am neuen Standort von AVS Schmersal Österreich, am Wienerberg im 10. Wiener Gemeindebezirk, finden sowohl die Mitarbeiter als auch die Kunden ein modernes Büro mit smarter Ausstattung vor.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in der Schulungsphilosophie der tec.nicum academy?

Pfaller: Digitalisierung ist kein optionaler Trend, sondern eine Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit. In der tec.nicum academy zeigen wir nicht nur, wie man Sicherheitslösungen umsetzt, sondern auch, wie man durch Datenanalyse neue Potenziale erschließen kann, so etwa in der Zustandsüberwachung oder vorausschauenden Wartung. Unsere Aufgabe ist es, Kunden dazu zu befähigen, mit digitalen Mitteln sowohl sicher als auch effizient zu arbeiten – ohne dabei an Komplexität zu scheitern.

Auf der Basis eines umfassenden Produktportfolios projektiert AVS Schmersal maßgeschneiderte Sicherheitssysteme und sicherheitstechnische Lösungen für die speziellen Anforderungen verschiedener Anwenderbranchen.

Auf der Basis eines umfassenden Produktportfolios projektiert AVS Schmersal maßgeschneiderte Sicherheitssysteme und sicherheitstechnische Lösungen für die speziellen Anforderungen verschiedener Anwenderbranchen.

Kann man trotz der neuen, oft herausfordernden Anforderungen bezüglich der neuen Maschinenrichtlinie auch Chancen für Unternehmen sehen?

Pfaller: Ja, ganz klar. Veränderungen sind zwar oft unbequem, aber sie zwingen auch dazu, Prozesse zu hinterfragen und neu zu denken. Genau dann entstehen oft Innovationen, die man vorher gar nicht in Betracht gezogen hätte. Wir sehen oft, dass Kunden im Rahmen unserer Schulungen plötzlich kreative Lösungen entwickeln, so zum Beispiel zur Zustandsüberwachung oder vorausschauenden Wartung. Und genau das macht dann auch Sinn für alle Beteiligten.

Pescha: Durch die Digitalisierung entstehen ganz klar neue Möglichkeiten, aus Maschinendaten Erkenntnisse zu gewinnen, beispielsweise durch erhöhte Stromaufnahme oder Vibrationen. Wenn man das richtig nutzt, lassen sich Betriebssicherheit und Effizienz sogar steigern.

Wie hoch ist der finanzielle Aufwand für Unternehmen durch die neuen Verordnungen oder lässt sich so etwas schwer beziffern/einschätzen?

Pescha: Für Endanwender ist der Kostenanstieg eher gering. Die Hauptlast liegt bei den Herstellern sicherheitsrelevanter Komponenten, beispielsweise Steuerungen oder KI-basierter Bildverarbeitung. Hier entstehen durch Validierung und Tests erhebliche Mehrkosten. Aber langfristig verschieben sich die Investitionen ohnehin stärker in Richtung Softwareentwicklung und datenbasierter Funktionalitäten.

Pfaller: Wichtig ist, dass Sicherheit kein Kostenkiller, sondern Teil der Produktivität sein kann – wenn man sie von Anfang an mitdenkt. Fehler, die erst im Nachhinein korrigiert werden müssen, sind deutlich teurer.

Kommen wir zum Thema Künstliche Intelligenz: Welche Rolle wird KI in sicherheitsrelevanten Anwendungen künftig spielen?

Pescha: Heute ist KI in der Funktionalen Sicherheit noch nicht zulässig, denn dazu fehlt es an vollständiger Nachvollziehbarkeit. Sicherheitsfunktionen müssen deterministisch und nachvollziehbar sein. Aber KI kann zusätzliche, übergeordnete Schutzebenen schaffen, zum Beispiel, wenn erkannt werden soll, ob eine Person Schutzausrüstung trägt.

Pfaller: Wir sprechen hier im Grunde genommen von mehrschichtigen Sicherheitskonzepten – vergleichbar mit dem Zwiebelsystem. KI kann ein Baustein darin sein, aber sie ersetzt nicht die klassische Sicherheitslogik. Es wird künftig hybride Systeme geben, in denen verschiedene Technologien zusammenwirken. Das ist realistisch und sinnvoll.

Abschließend: Wird in der EU zu viel reguliert oder ist der Weg der richtige?

Pfaller: Natürlich ist es Arbeit, sich mit den Vorgaben auseinanderzusetzen. Aber wer klug handelt, kann daraus Wettbewerbsvorteile ziehen. Die Verordnung ist auch ein Instrument zur Marktsicherung. Ich glaube, man sollte den Perspektivwechsel wagen: Statt in Bürokratie nur Belastung zu sehen, auch die Chancen erkennen, die sich daraus ergeben.

Pescha: Genau. Sicherheit, Qualität und Innovation schließen sich nicht aus – im Gegenteil. Mit der richtigen Einstellung lässt sich aus regulatorischen Vorgaben auch unternehmerischer Mehrwert schaffen. Davon bin ich überzeugt.

Vielen Dank für das Gespräch!

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