interview
Lebensmittelsicherheit ist laut Klüber kein Zufall
Mineralölkohlenwasserstoffe stehen zunehmend im Fokus der Lebensmittelindustrie. Insbesondere die Fraktionen MOSH (Mineral Oil Saturated Hydrocarbons) und MOAH (Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons) werden analytisch immer präziser erfasst und regulatorisch intensiver diskutiert. Für Lebensmittelhersteller bedeutet das: potenzielle Eintragsquellen entlang der gesamten Prozesskette systematisch identifizieren, bewerten und minimieren. Doch wie funktioniert das? Das fragte ich Johann Halbemer, Spezialist für Schmierstofflösungen für die Lebensmittelindustrie bei Klüber Lubrication Austria, bei einem Expertenaustausch für die AUTOMATION.
„Wir erleben immer wieder, dass im Wartungsfall einfach 'die erstbeste Lösung' genommen wird. Genau hier setzt Schulung an, die wir auch im Rahmen unserer Möglichkeiten gezielt für Betriebe anbieten“, betont Johann Halbemer, Spezialist für Schmierstofflösungen für die Lebensmittelindustrie bei Klüber Lubrication Austria, bei einem Expertenaustausch.
Herr Halbemer, MOSH und MOAH sind inzwischen fixe Bestandteile vieler Gespräche. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage bezüglich ihrer Sicherheit ein?
Das Thema ist sozusagen gekommen, um zu bleiben. Einerseits, weil die Analytik immer feiner wird und heute Dinge sichtbar macht, die früher unterhalb der Nachweisgrenze lagen. Andererseits, weil sich regulatorisch etwas bewegt. Vor allem MOAH steht stark im Fokus, da diese Fraktion gesundheitlich „kritischer“ bewertet wird. Gleichzeitig gibt es noch keine vollständig harmonisierten EU-Grenzwerte für alle Bereiche.
Die EU-Kommission hat Ende 2023 Entwürfe vorgelegt, um Höchstgehalte für MOAH in Lebensmitteln festzulegen. Diese Entwürfe durchlaufen aktuell noch den Gesetzgebungsprozess und sollen voraussichtlich ab 2027 gelten. Das führt dazu, dass sich Unternehmen zwischen nationalen Vorgaben, Empfehlungen und Erwartungshaltungen von Kunden bewegen müssen. Was wichtig ist: Man darf MOSH/MOAH nicht isoliert betrachten. Es geht immer um die gesamte Produktionskette, vom Rohstoff über die Verarbeitung und Verpackung bis hin zum fertigen Produkt.
Die Teilnehmende der zweitägigen Veranstaltung in Solingen zeigten sich interessiert und nahmen zahlreiche nützliche Informationen mit. (Bild: x-technik)
Wie entwickeln sich die regulatorischen Rahmenbedingungen am Markt?
Die EU arbeitet seit einiger Zeit an einer einheitlicheren Regelung, insbesondere für MOAH. Gleichzeitig gibt es nationale Entwicklungen, etwa in den Niederlanden, die bereits mit klaren Eingreifwerten arbeiten. Für international tätige Unternehmen bedeutet das, dass sie unterschiedliche Anforderungen im Blick behalten müssen. Ich gehe davon aus, dass MOAH in den kommenden Jahren EU-weit klarer geregelt wird. Für MOSH wird es vermutlich weiterhin Monitoring- und Minimierungsansätze geben. Für Betriebe heißt das: Das Thema proaktiv angehen und nicht abwarten.
Lebensmittelsicherheit ist kein Zufall. Sie entsteht durch Systematik, durch passende Produkte und durch verantwortungsvolle Anwendung. (Bild: x-technik)
Gerade im industriellen Umfeld (Lebensmittelproduktion, Verpackung, Maschinenbau) wird MOSH/MOAH häufig reflexartig mit „Schmierstoffproblem“ gleichgesetzt. Ist das gerechtfertigt?
Schmierstoffe können eine Eintragsquelle sein, aber sie sind nicht automatisch der Verursacher. Mineralölkohlenwasserstoffe können bereits in der Landwirtschaft eingetragen werden, etwa durch Maschinen oder Transport. Auch Verpackungen oder Recyclingmaterialien spielen eine Rolle. Deshalb plädiere ich immer für eine systematische Betrachtung entlang der gesamten Kette. Wer vorschnell nur den Schmierstoff austauscht, ohne die anderen Eintragsquellen zu prüfen, greift zu kurz.
Der Begriff „Lebensmittelschmierstoff“ suggeriert oft eine falsche Sicherheit. Die richtige Auswahl für die korrekte Anwendung ist entscheidend. (Bild: Marxstudio/Shutterstock.com)
Beim Einsatz von Lebensmittelschmierstoffen verbinden viele damit eine 100%ige sorgenfreie Anwendung in der Praxis. Wie sehen Sie das?
Der Begriff „Lebensmittelschmierstoff“ suggeriert oft eine falsche Sicherheit. Viele meinen, dass wenn H1 draufsteht, ist alles gut. Das stimmt so nicht. NSF H1 bedeutet lediglich, dass ein technisch unvermeidbarer Kontakt in sehr kleinen Mengen zulässig ist. Es bedeutet nicht, dass man sorglos damit umgehen darf. Entscheidend ist die richtige Auswahl, die richtige Anwendung und die richtige Menge. „Mehr hilft mehr“ ist bei Schmierung in Food-Anwendungen definitiv falsch. Überschmierung erhöht das Risiko von Tropfenbildung und damit potenzieller Kontamination. Das muss man wissen.
Die Klüber-Experten betonten: Neben der Produktauswahl ist es oft die falsche Handhabung in der Praxis. Offene Gebinde, falsche Lagerung oder Verwechslungen im Schmierstofflager sind reale Risiken. Gerade in der Instandhaltung herrscht Zeitdruck, Personal ist stets knapp oder neue Mitarbeitende haben vielleicht noch keine tiefe „Schmiererfahrung“. Schulungen unterstützen. (Bild: x-technik)
Kommen wir auf die konkrete Anwendung zu sprechen: Was sind aus Ihrer Erfahrung typische Schwachstellen im Betrieb?
Neben der Produktauswahl ist es oft die angesprochene Handhabung. Offene Gebinde, falsche Lagerung oder Verwechslungen im Schmierstofflager sind reale Risiken. Gerade in der Instandhaltung herrscht Zeitdruck, Personal ist stets knapp oder neue Mitarbeitende haben vielleicht noch keine tiefe „Schmiererfahrung“. Wir erleben immer wieder, dass im Wartungsfall einfach „die erstbeste Lösung“ genommen wird. Genau hier setzen Schulungen an, die wir auch im Rahmen unserer Möglichkeiten gezielt für Betriebe anbieten, denn Menschen machen den Unterschied. Wenn Mitarbeitende verstehen, warum die richtige Schmierstoffwahl entscheidend für Lebensmittelsicherheit ist, sinkt das Risiko deutlich. Unsere Experten stehen für Aufklärung und Beratung sowie Weiterbildung zur Verfügung, um für die Praxis den Betrieb ordnungsgemäß zu rüsten.
Zur Diskussion steht: Wenn Mitarbeitende verstehen, warum die richtige Schmierstoffwahl entscheidend für Lebensmittelsicherheit ist, sinkt das Risiko deutlich. (BIld: x-technik)
Was raten Sie konkret einem Lebensmittelhersteller?
Es ist immens wichtig, eine strukturierte Risikobewertung durchführen zu lassen – idealerweise eingebettet in die HACCP-Logik (Hazard Analysis and Critical Control Points). Diese ist ein präventives System zur Sicherstellung der Lebensmittelsicherheit. Sie basiert auf der systematischen Analyse möglicher Gefahren entlang des Produktionsprozesses und der Festlegung kritischer Kontrollpunkte. An diesen Punkten werden Grenzwerte definiert, überwacht und dokumentiert, um Risiken wie Kontaminationen frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden. Das Ziel ist eine durchgängige, nachvollziehbare Prozesssicherheit in der Lebensmittelproduktion.
Es stellen sich Fragen wie: Wo gibt es potenziellen Kontakt? Wo ist ein technisch unvermeidbarer Eintrag denkbar? Weiters sollte man den Schmierstoffverbrauch prüfen. Ist die Menge korrekt? Gibt es konstruktive Verbesserungsmöglichkeiten, etwa durch Abschirmungen oder andere Positionierung von Schmierstellen? Schlussendlich kann ich wiederholt nur auf das Thema Schulungen hinweisen: Die Sensibilisierung der Mitarbeitenden ist das A und O eines Betriebes. Das ist oft der größte Hebel.
Schmierstoffe können eine Eintragsquelle sein, aber sie sind nicht automatisch der Verursacher. Es kommt auf die korrekte Auswahl und Anwendung an. (Bild: x-technik)
Und Klüber steht dem Kunden bei Fragen und Fortbildungen unterstüzend zur Seite?
Auf jeden Fall. Wir verstehen uns nicht nur als Lieferant von Produkten, sondern als Partner bei der Risikominimierung. Das beginnt mit einer Analyse der bestehenden Schmierstrategie, geht über die Auswahl geeigneter H1-Produkte bis hin zur Optimierung von Applikationssystemen. Und: Wir unterstützen bei der Bewertung von MOSH/MOAH-Befunden, helfen bei der Interpretation von Analyseergebnissen und entwickeln gemeinsam mit dem Kunden Maßnahmenpläne. Außerdem bieten wir wie erwähnt Schulungen für Instandhaltung und Qualitätssicherung an – sowohl vor Ort als auch in unseren Trainingsformaten. Ein weiterer Aspekt ist die Konsolidierung von Schmierstoffen. Weniger unterschiedliche Produkte bedeuten weniger Verwechslungsgefahr. Auch das ist ein Beitrag zur Lebensmittelsicherheit.
Bei der Veranstaltung entstand eine offene Diskussionsrunde zu speziell ausgerichteten Themen der Lebensmittelindustrie. (Bild: x-technik)
Was ist die zentrale Botschaft für die Praktiker?
Lebensmittelsicherheit ist kein Zufall. Sie entsteht durch Systematik, durch passende Produkte und durch verantwortungsvolle Anwendung. MOSH/MOAH ist ein komplexes Thema, aber beherrschbar, sofern man es ganzheitlich betrachtet und nicht nur an einer Stelle ansetzt. Mit der richtigen Schmierstrategie lässt sich das Risiko deutlich reduzieren, ohne die Prozesssicherheit oder Wirtschaftlichkeit zu gefährden. Genau diesen Spagat gilt es zu schaffen.








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