interview

Offene Systeme schaffen Zukunftssicherheit in der Automatisierung meint Weidmüller

Offene Systemarchitekturen, Echtzeitfähigkeit und Cybersecurity prägen den aktuellen Wandel in der Automatisierung. Auf der SPS 2025 sprach die x-technik AUTOMATION mit Jürgen Kitzler, Automation Sales-Experte von Weidmüller Österreich, darüber, warum Offenheit zum entscheidenden Faktor wird und zwar von Plattformstrategien bis zur Brownfield-Integration.

„Grenzenlose Integrationsmöglichkeiten in alle Richtungen auf Hard- und Softwareebene, das sollte man von einem offenen System erwarten können.“ Jürgen Kitzler, Automation Sales-Experte, Weidmüller Österreich

„Grenzenlose Integrationsmöglichkeiten in alle Richtungen auf Hard- und Softwareebene, das sollte man von einem offenen System erwarten können.“ Jürgen Kitzler, Automation Sales-Experte, Weidmüller Österreich

Herr Kitzler, die Automatisierungsbranche befindet sich im Wandel: Weg von geschlossenen, proprietären Systemen hin zu offenen, modularen Architekturen. Warum gewinnt dieses Thema gerade jetzt so stark an Bedeutung?

Danke für die spannende Frage. Wenn man sich die aktuellen Rahmenbedingungen ansieht, wird schnell klar, warum Offenheit heute wichtiger ist denn je. Wir erleben weltwirtschaftliche Verwerfungen, geopolitische Unsicherheiten, zunehmenden Protektionismus und gleichzeitig einen enormen technologischen Fortschritt, beispielsweise durch KI und vernetzte Systeme. Unternehmen müssen heute in Folge deutlich flexibler reagieren können. Diese Flexibilität lässt sich jedoch nur erreichen, wenn Systeme offen gestaltet sind und wachsen können. Wer ausschließlich auf proprietäre Lösungen setzt läuft Gefahr, früher oder später in einer Sackgasse zu landen.

Chefredakteurin Stephanie Englert und Jürgen Kitzler von Weidmüller Österreich sprechen im Video- und Podcast über weltwirtschaftliche Verwerfungen, geopolitische Unsicherheiten, KI und vernetzte Systeme.

Chefredakteurin Stephanie Englert und Jürgen Kitzler von Weidmüller Österreich sprechen im Video- und Podcast über weltwirtschaftliche Verwerfungen, geopolitische Unsicherheiten, KI und vernetzte Systeme.

Aber: Offene Systeme sind kein neues Thema. Warum ist der Druck zur Umsetzung gerade aktuell so hoch?

Das stimmt, das Thema begleitet uns schon länger. Neu sind aber die Beschleuniger. Die Pandemie hat deutlich gezeigt, wie fragil globale Lieferketten sein können. Danach folgte eine kurze Euphoriephase. Heute sind wir wieder in der Realität angekommen. Hinzu kommt die zunehmende Konkurrenz aus Regionen wie Fernost, etwa im Hochtechnologiebereich. Es genügt nicht mehr, sich auf zwei oder drei große Anbieter zu verlassen und eine vermeintliche „Second Source“ zu haben. Wenn alle aus denselben Chipfabriken beliefert werden, habe ich im Ernstfall überall das gleiche Problem.

In Europa wird aktuell verstärkt über technologische Souveränität diskutiert. Welche Rolle spielen dabei offene Automatisierungskonzepte?

Eine sehr große. Gerade im IT- und Cloud-Umfeld sehen wir starke Konzentrationen auf wenige große Player. Initiativen wie Gaia-X zeigen, dass Europa versucht, wieder mehr Know-how und Autarkie aufzubauen. Standardisierung, offene Systeme und Open Source schaffen die Basis für ein eigenes Ökosystem und das auch in der industriellen Automatisierung. Diese Entwicklungen passen sehr gut zu dem Weg, den Weidmüller in den zurückliegenden Jahren eingeschlagen hat und bestätigt uns im Handeln.

Ein zentrales Schlagwort in diesem Zusammenhang ist die sogenannte Echtzeitfähigkeit. Wie adressiert Weidmüller dieses wichtige Thema?

Unser Ansatz basiert ganz klar auf Offenheit. Mit u-OS bieten wir eine offene Plattform von Seiten Weidmüllers an, die auf Linux Yocto aufsetzt und bereits alle Werkzeuge mitbringt, um echtzeitfähige Systeme umzusetzen: serviceorientiert und zyklisch zugleich. Damit muss man heute keinen Kompromiss mehr zwischen Echtzeit und Offenheit eingehen. Wir unterstützen klassische Echtzeitprotokolle wie Profinet, IAT oder EtherCAT, beschäftigen uns aber auch intensiv mit TSN-Netzwerken, um zukünftige Echtzeit- und Kommunikationsanforderungen abzudecken.

TSN gilt als Schlüsseltechnologie, wird aber auch als komplex wahrgenommen. Wo liegen aus deiner Sicht die Hürden?

TSN ist kein Selbstläufer. Für eine durchgängige Implementierung brauche ich kompatible Hardware über das gesamte System hinweg. In vielen Fällen bedeutet das einen vollständigen Austausch der Infrastruktur. Zudem besteht TSN aus mehreren Protokollen, die gemeinsam implementiert werden müssen. Das ist deutlich komplexer als klassische Echtzeitanwendungen. Deshalb eignet sich TSN aktuell vor allem für größere Anlagen und Unternehmen und auch dort nur, wo der Nutzen klar gegeben ist.

Ein weiteres großes Thema im Umfeld offener Systeme ist Cybersecurity. Wie lassen sich Offenheit und Sicherheit vereinen?

Cybersecurity ist heute ein Muss. Angriffsvektoren ändern sich ständig, und längst sind nicht mehr nur Großkonzerne betroffen, sondern auch mittelständische Unternehmen. Offenheit und Sicherheit dürfen sich dabei nicht ausschließen. Security muss von Anfang an integraler Bestandteil jeder Plattform und jedes Produkts sein. Weidmüller bringt hier eigene Expertise ein – etwa mit unserem Industrial-Ethernet-Portfolio und der eigenen Fernwartungsplattform – und ergänzt diese gezielt durch Partnerschaften.

Stichwort Partnerschaften: Welche Rolle spielen Standards und Regularien wie NIS 2 oder der Cyber Resilience Act?

Regulatorik ist aktuell ein starker Treiber für das Thema Security. Verordnungen wie NIS 2 oder der Cyber Resilience Act bringen klare Verantwortlichkeiten, sowohl für Betreiber als auch für Hersteller. Normen wie die IEC 62443 bieten dabei einen wichtigen Rahmen. Gleichzeitig darf man Standards nicht als statisches Ziel verstehen. Bedrohungen entwickeln sich schneller als Normen. Entscheidend ist, kontinuierlich mitzuziehen und Security als laufenden Prozess zu begreifen.

Viele Unternehmen arbeiten im Brownfield. Wie lässt sich Offenheit dort realistisch umsetzen?

Brownfield ist für uns ein zentrales Thema. Niemand möchte funktionierende Anlagen komplett austauschen. Wichtig ist daher, Konnektivität zu bestehenden Systemen herzustellen – auch zu proprietären Protokollen. Mit unserer Plattform können wir bestehende Anlagen schrittweise modernisieren: Daten anbinden, Funktionen erweitern und Aufgaben sukzessive auf neue Hardware oder Software verlagern. Das schafft Freiräume und reduziert Investitionsrisiken.

Zum Abschluss würde ich gerne wissen, welche Rolle Innovationen für Weidmüller in diesem Umfeld spielen?

Innovation ist essenziell, aber: nur fokussiert. Mit u-OS setzen wir bewusst auf offene Software- und Hardwareplattformen. KI spielt dabei eine wachsende Rolle, etwa bei Predictive Maintenance oder in der Low-Code-Integration über Partner. Unser Ziel ist eine grenzenlose Integration über Hardware, Software und Prozesse hinweg. Genau das erwarten unsere Kunden heute.

Vielen Dank für das Gespräch!

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