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Mitarbeiter 4.0: Warum der Hausverstand analog bleibt und Flexibilität nicht reicht

: SICK


Sicherheit im industriellen Umfeld hat viele Perspektiven. Beispielweise Safety, die Maschinensicherheit, oder Security, wenn es um IT und die große Vernetzung geht. Beides Bereiche, die im Hinblick auf Industrie 4.0 deutlich in den Fokus gerückt sind. Darüber hinaus gibt es aber einen ganz besonderen Aspekt von Sicherheit, der im absoluten Mittelpunkt stehen muss. Und das, obwohl es keine Normen oder Vorschriften gibt, die ihn regeln und keine Firewall, die ihn schützt: gemeint ist das subjektive Gefühl der Sicherheit, das für uns Menschen so wichtig ist. Was dieses Empfinden mit der Fertigung der Zukunft zu tun hat und warum Vertrauen zum Erfolgsfaktor für die Industrielle Revolution wird, darüber spricht Helmut Maier, Geschäftsführer von Sick.

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Bits und Bytes wohin man schaut. Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen sorgen für große Erwartungen, aber auch für gemischte Gefühle und Befürchtungen. Kaum jemand denkt nicht darüber nach, ob er von der Automatisierungswelle einfach „weggespült“ wird. Man fragt sich, ob man auch morgen noch einen Job hat bzw. ob und wie sich dieser verändern könnte.

Durchaus verständlich, werden Investitionen in neue Technologien doch meist vorrangig mit einem großen Effizienzplus argumentiert. Und dafür greifen Unternehmen gerade richtig tief in die Tasche. Klassische Beispiele sind ERP-Systeme, die Vernetzung (Internet of Things) oder Big-Data- und Analytics-Lösungen. Damit stehen die Ampeln aber noch lange nicht auf grün. Denn oft wird auf etwas ganz Entscheidendes vergessen: die Mitarbeiter. Bei ihnen wachsen zum einen die Aversionen gegen laufend anstehende Veränderungen und zum anderen die Ängste wegen mangelnder Qualifikation im Hinblick auf Digitalisierungsthemen. Dass es auch anders geht, das zeigt ein Unternehmen, das schon wegen seines Produktportfolios im Mittelpunkt der großen industriellen Revolution steht: der Sensorenspezialist Sick.

Effizienz hat wenig Charme

Helmut Maier, Geschäftsführer von Sick Österreich: „Bei der Digitalsierung geht es nicht nur um neue Maschinen oder Technologien, sondern vor allem um Menschen. Denn ihnen sollen diese Lösungen dienen. Wer also mit tollen Effizienzgewinnen argumentiert, der greift hier eindeutig zu kurz. Da geht es vielmehr um Vertrauen und Sicherheit, um das Wissen, an einer gemeinsamen Zukunft zu arbeiten – das zählt für die Mitarbeiter.“

Effizienz
alleine bietet also nur wenig Anreiz für die Mitarbeiter – im Gegenteil, wird sie als Ziel ausgerufen, lässt das meist schnell Zweifel keimen. Denn wie effizient ist man selbst? Schafft der Kollege neben mir vielleicht sogar etwas mehr? Alles wird schneller und ich bin doch schon am Limit – wie lange halte ich noch mit? Man muss also weiterdenken – die Sicht des Mitarbeiters einbeziehen. „Es ist wichtig, den langfristigen strategischen Nutzen der Digitalisierung verständlich darzustellen. Und der liegt beispielsweise in einer gestärkten Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Billigländern, raschen Innovationen oder Wachstumschancen in neuen Märkten. Das kommt dem Unternehmen und den Mitarbeitern zugute, sichert also unsere Jobs von morgen“, so Helmut Maier.

Mitarbeiter sollen sich nicht verbiegen

Die Einstellung der Mitarbeiter ist ein entscheidender Erfolgsfaktor – sie gestalten die Zukunft, das weiß man bei Sick. Helmut Maier: „Hat man die Menschen im Fokus, wird schnell klar, dass Flexibilität alleine nicht reichen wird. Da ist mehr gefragt – es gilt agil zu sein! Eine Stahlfeder ist flexibel: wirkt eine Kraft auf sie ein, gibt die Feder nach. Ursache – Wirkung. Es geht aber nicht darum, dass unsere Mitarbeiter sich verbiegen, um den Anforderungen der digitalen Welt gerecht zu werden. Sie sollen vielmehr selbst treibende Kraft sein und diese Welt proaktiv gestalten. Das erlaubt es, einen Schritt voraus zu sein, anstatt einer rasanten Entwicklung permanent hinterher zu laufen.“

Aus- und Weiterbildung garantiert Job-Sicherheit

Anschauliches Beispiel dafür ist die Aus- und Weiterbildung. Bringen Mitarbeiter ihr Fach-Know-how ein, decken die eigenen Lern- und Entwicklungsfelder ehrlich auf und denken gemeinsam mit ihren Führungskräften voraus, erlaubt das, die kommenden Anforderungen zu antizipieren und rechtzeitig die richtigen Schulungen einzuplanen. Das sorgt dafür,
dass die Scheu vor Veränderungen sinkt, das Vertrauen dank der Wertschätzung durch das Unternehmen steigt und das Team ist auf den Einsatz neuer Lösungen vorbereitet. Die Mitarbeiter müssen also nicht erst anfangen umzulernen, wenn neue Maschinen in der Fertigung stehen.

Bald werden ohnedies alles Maschinen machen

Ist das wirklich so? Wer glaubt, dass der Mensch in der näheren Zukunft im großen Stil durch eine künstliche Intelligenz (KI) ersetzt wird, der ist sehr in der Science Fiction verhaftet. Es wird Tätigkeiten geben, die Maschinen übernehmen, dafür entstehen aber schon heute andere, neue Aufgaben für Menschen. Erik Brynjolfsson (MIT, Massachusetts Institute of Technology) und Tom Mitchell (Carnegie Mellon University) bestätigen der KI in einem vor Kurzem erschienen Essay ihre Stärken – sie unterstreichen aber auch, dass wir meilenweit von einer „generellen“ KI entfernt sind. Es gibt viele Dinge, die Maschinen nicht können, bei denen sie nicht wirtschaftlich sind oder ein Mensch einfach besser ist. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern.

„Hausverstand“ ermöglicht sichere Systeme

Selbst lernende Maschinen benötigen Daten als Trainingsgrundlage. Treten nun völlig unerwartete Situationen auf, versagen sie. Auch wenn sich Arbeitsziele oder das Umfeld häufig ändern, zeigen sich schnell die Vorzüge des menschlichen „Hausverstands“ und der lässt sich bekanntlich nicht so recht in eine SPS programmieren oder einer App umsetzen. Die Eigenschaften von Maschinen, gut Muster erkennen und daraus Vorhersagen ableiten zu können, gehören klar zu den Stärken automatisierter Lösungen. Das benötigt aber definierte Zielvorgaben. Geht es hingegen um die Entwicklung von neuen Vorhaben, die Einschätzungen anhand eines Bauchgefühls oder ist beispielsweise emotionale Intelligenz gefragt, hat der Mensch im wahrsten Sinne des Wortes die Nase vorne. Wird das
vernachlässigt, lässt sich das auch mit der besten Technik nicht wettmachen. Es gilt daher die Mitarbeiter Schritt für Schritt an die neue Arbeitswelt heranzuführen und Ängste abzubauen. Das verlangt ein völlig neues Denken und Handeln auf allen Ebenen – insbesondere von Führungskräften, die nachhaltige Impulse setzen müssen, um die Mitarbeiter auf ihrer Reise in die digitale Zukunft abzuholen.

Wissen teilen, macht Unternehmen erfolgssicher

Helmut Maier: „Die Herausforderungen werden weiter zunehmen und die Komplexität steigen – mit den Methoden und Systemen von gestern lässt sich das nicht bewältigen.“ Das Gesetz der erforderlichen Varietät von Ross Ashby besagt: Wenn die Komplexität des Umfelds die Fähigkeit einer Organisation übersteigt, auf Herausforderungen angemessen zu reagieren, scheitert das Unternehmen. Für Unternehmen ist es daher überlebensnotwendig, in Komplexität handlungsfähig zu bleiben und das erfordert agile Herangehensweisen.

Ein Schritt dorthin ist es, Wissen zu teilen, denn nicht jeder kann heute alles wissen oder gar alleine machen. Auf das Teamwork kommt es an. „Vernetzung ist gefragt – nicht nur bei den Maschinen, auch bei den Menschen. Neue Teams entstehen, quer über verschiedenste Abteilungen, ja sogar Unternehmen hinweg. Das alte Hierarchiedenken hilft da wenig weiter. Denn wer hat denn nun in solchen Teams das sagen und wie organisieren sie sich? Die Veränderungen betreffen also nicht nur den Menschen und die eingesetzten Technologien, sondern auch die gesamte Organisation. Dafür müssen sich sowohl die Mitarbeiter als auch die Führungskräfte fit machen. Ein Projekt, das wir seit mehreren Jahren konsequent verfolgen“, unterstreicht
der Geschäftsführer von Sick.



Trainings eröffnen Selbstsicherheit

Neben Produkt- und Prozess-Trainings zur Optimierung interner Arbeitsabläufe machen alle Mitarbeiter bei Sick auch ganz spezielle Workshops, bei denen es um die neue Arbeitswelt und um die Entwicklung der Persönlichkeit sowie Teams geht. Helmut Maier. „Entwickeln sich die Menschen, entwickelt sich auch das Unternehmen weiter. Das ist untrennbar miteinander verknüpft. Dazu gehören auch eine offene Kommunikation und gemeinsame Trainings in Abteilungen, die eng zusammenarbeiten. So können alte Hierarchien und Barrieren abgebaut werden – insbesondere in den Köpfen der Menschen.“ Ein großer Schritt auf dem Weg zum agilen Mitarbeiter in einem agilen Unternehmen.

Neue Informationen – neue Herausforderungen

Der Sensorenmarkt unterliegt, getrieben von der Digitalisierung, einem starken Wandel. „Viele der Informationen, die heute von Sensoren an der Maschine aufgenommen, verarbeitet und an nachgelagerte Systeme weitergegeben werden, sind völlig andere, als es noch vor fünf, sechs oder sieben Jahren der Fall war“, so der Geschäftsführer von Sick. Das stellt die Kunden vor große Herausforderungen. Denn was ist möglich? Was ist überhaupt sinnvoll? Und was braucht eine Maschine wirklich, um zukunftsfähig zu sein?

Helmut Maier: „Das ist gelebte Kundenorientierung in der Praxis. Denn der Kunde hat oft eine tolle Idee, aber nur eine vage Vorstellung davon, was er dafür benötigt. Dann tauchen unsere Spezialisten tief in die Prozesse der künftigen Maschine ein, um gemeinsam die optimale Lösung zu erarbeiten – mögliche Weiterentwicklungen der Anlage inklusive. Das verlangt auch von unseren Experten andere Herangehensweisen und deutlich mehr spezifisches Know-how der Kundenprozesse
als früher.“ Es geht also nicht nur um „Sensor Intelligence“ wie sie im Motto von Sick angesprochen wird, sondern auch um intelligente Prozesse, eine intelligente Organisation und intelligente Beratung. Der Schlüssel dazu, sind mit Sicherheit agile Mitarbeiter, die die digitale Zukunft proaktiv gestalten.

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  • Tel. +43 2236-62288-0
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